Paartherapie

Ja, im nachfolgenden Bericht geht es tatsächlich um Beziehungsprobleme und vielleicht könnte man sich in der ein oder anderen Situation selbst wiederkennen. Denn genau wie in einer menschlichen Beziehung kommt es auch in derjenigen mit unseren Pferden zu Missverständnissen, Problemen und Herausforderungen. Wie wir diese überwinden und die Verbindung zu unseren Vierbeinern nachhaltig stärken können. Ein Gespräch mit Ellen Stoffel.

«Beziehung ist Kunst». Mit diesen Worten startet Ellen Stoffel, Pferdetrainerin und Reitlehrerin wohnhaft in Schönenberg ZH, in den Tag. Wie Recht sie doch hat. Alles steht und fällt mit der Kommunikation. Sie ist der Schlüssel zu Beziehungen und umfasst den Austausch von Informationen, Gedanken und Gefühlen. Die grosse Herausforderung: die unterschiedlichen Denk- und Sichtweisen von Mensch und Pferd. Menschen denken abstrakt. Und geradeaus – genau wie ihr Sichtfeld. Während wir mit den Gedanken vom Hier und Jetzt zurück in die Vergangenheit und wiederum weit in die Zukunft springen, leben Pferde immer im Moment. Sie lernen zwar aus der Vergangenheit, sind aber mit ihren Gedanken immer in der Gegenwart. Auch die Sichtweise unterscheidet sich komplett von der der Menschen. Sie ist peripher, also seitlich, genau wie ihre Augen am Kopf liegen.

«Tiere können nicht abstrakt denken. Es fehlt der Teil im Hirn, in welchem sie sich selbst erkennen können, z. B. in einem Spiegel, so wie wir ab ca. 3 Jahren. Zudem können die Augen des Pferdes nicht fokussieren. Das heisst, sie können beispielsweise nicht erkennen, wie tief eine Pfütze ist. Die Augen eines Pferdes sind auf Bewegung sensibilisiert. Rasche Wahrnehmung von Bewegungen in der Ferne gehören sozusagen zur Grundausstattung eines Fluchttieres. Sie nehmen Bilder mit beiden Augen separat auf und legen sie im Hirn übereinander. Vernetzen können sie durchaus. Hier kommt neben der Beziehung auch die Anatomie ins Spiel. Auch wenn sich unser Sichtfeld von dem eines Pferdes unterscheidet, haben wir eines gemeinsam: wir denken, wie wir sehen. Mit Ellens Worten: «Seitlich denken bedeutet, alles miteinzubeziehen und zu denken wie ein Pferd».

Querdenken

«Wenn wir uns nicht in unsere Pferde hineinversetzen können, wird die Kommunikation schwierig – unter anderem wegen diesen grundlegenden Unterschieden». Auch die Adaptation des Augenlichts vom Hell ins Dunkel und umgekehrt kann übrigens bis zu 40 Minuten dauern. «Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Reithalle. Die Pferde sehen zu Beginn nicht viel, der Raum ist begrenzt und relativ dunkel. Deshalb haben viele Pferde erst Mühe, sich hier zu entspannen. Für diese vielen Dinge müssen wir ein Gespür entwickeln und unsere Feinfühligkeit schärfen. Es sollte ein Herzensprojekt sein, unsere Pferde wirklich und wahrhaftig kennenzulernen. Nur so können wir Probleme lösen und Herausforderungen mit ihnen meistern. In erster Linie geht es um Sicherheit. Vertrauen kommt danach». Das Wörtchen »Gehorsam« lassen wir hier bewusst aussen vor. Denn geht es in Beziehungen nicht darum, eine Balance zu schaffen? Eine Symbiose aus Respekt, Verständnis, Liebe und Freude? «Liebevoll fördern. Und  der Charakter eines Pferdes hat hier genauso einen Einfluss wie bei uns Menschen».

Die Moral von der Geschicht' 

Ohne Beziehung funktioniert es nicht. Naja, das ist nun vielleicht ein wenig extrem formuliert. Irgendwie geht es ja immer, richtig? Aber die Frage ist doch: was ist unser Ziel? In Ellens Fall ist die Intention klar: Sicherheit und Vertrauen im Umgang mit Pferden unter Beachtung des natürlichen Verhaltens dieser Tiere. Dazu meint sie: «Meine Art des Trainings schliesst andere Arten von Training und Reiten nicht aus. Ich sehe es als Ergänzung. Denn viele Muster am Hänger zeigen sich auch im Alltag mit dem Besitzer. Ich bin überzeugt davon, dass man einem Pferd beibringen kann, die Lösung selbst zu finden. Ich muss nur wissen, wo ich ausdehnen kann, wo ich einen Schritt zurück muss und wieviel ich meinem Pferd zumuten kann. Das braucht Geduld und lernt man mit den Jahren. Spezifisch auf das Hänger-Training bezogen muss ich herausfinden, wie ich meinem Pferd den Hänger schmackhaft machen kann». Auch hier sieht die Trainerin Potenzial und stellt die abschliessende Frage: «Wie kann ich diesem Geschöpf helfen, dass wir miteinander ans Ziel kommen?»

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