Poesia
Wo Echtheit ihren Namen findet
Das Engadin erklärt sich nicht – es ist da. Wild, einzigartig und manchmal ruhiger, als man es sich vielleicht vorstellen mag. Ich brauche diese Ruhe, nicht als Rückzugsort, sondern als Ausgangspunkt für Gedanken. Hier lernt man geduldiger zu werden. Mit dem Wetter, Wegen und Worten. Nicht nur der Sprache wegen. Wenn morgens ein Schleier über dem Tal liegt, spürt man die Einladung, langsamer zu werden. Luft und Licht sind anders hier, so vielversprechend und gleichzeitig unberechenbar.
Das Engadin ist beständig – in vielerlei Hinsicht. Berge umrahmen den Garten am Inn, stoisch und zeitlos stehen sie da. Ruhen über das Tal wie die Wächter eines Schatzes. Genau das ist es auch für viele. Wertvoll, wie die Sprache. “Chi chi sa rumantsch, sa dapü” – wer Romanisch kann, kann mehr. Wie die Arven des Tamangur weicht auch sie nicht von der Stelle. Sie ist bedeutungsvoll und Teil einer Identität. Vielleicht prägt mich dieser Ort mehr, als mir bewusst ist.
Das Engadin erzählt Geschichten – ohne zu sprechen. Es ist ein Gefühl. Ein Gefühl von Freiheit, Zugehörigkeit und Sein. So wie man ist. Anzukommen, wo man im Moment hingehört. Genauer hinzuschauen, zu reflektieren und zu beobachten. Wer diese Art von Stille nicht fürchtet, findet vielleicht eher Gehör für das Ungesagte. Und wer sich Zeit nimmt, findet vielleicht eher die Worte, es auszudrücken.